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Kategorie: Was uns stark macht

Die Freiheit zum Handeln vermitteln

Wie wichtig es fur Erwachsene ist, bei Kindern nicht einzugreifen.

Maria Montessori teilt in ihrem Werk immer wieder die Beobachtungen mit, die zu ihrem padagogischen Grundverstandnis gefuhrt haben – aber kaum eine Geschichte zeigt so bedruckend wie diese, wie schnell und unuberlegt wir Erwachsenen Kinder daran hindern konnen, ihre eigene Starke zu entwickeln und zu entschiedenen, selbstbewussten Personlichkeiten heranzuwachsen. Fur mich liegt der besondere Wert dieser Geschichte darin, dass sie eine „Miniatur“ ist – die ganze Szene durfte kaum mehr als zwei Minuten gedauert haben. Genau solche „Nadelstiche“, von denen es ja viele geben kann in einem Kinderleben, sind es aber, mit denen wir Kinder schwachen.

Es macht Kinder glucklich – je junger sie noch sind, umso mehr, wenn sie ein Problem selbst losen konnten. Ob es nun darum geht, sich die Schuhe selbst binden zu konnen, einen Teller mit hei?er Suppe zum Tisch zu tragen, eine Losung fur ein kniffliges Rechenproblem zu finden oder fur einen hei?en Konflikt mit Klassenkameraden – jede Schwierigkeit, die ein Kind aus eigener Kraft bewaltigt hat, starkt es. Heute reden wir in solchen Fallen von der Erfahrung der „Selbstwirksamkeit“, aber die Geschichten, die dazu zu erzahlen sind, sind die gleichen wie die vom kleinen Jungen und dem Wasserbecken vor 100 Jahren.

Es geht also darum, die Kinder auf ihrem Weg zur Unabhangigkeit zu begleiten. Sie brauchen unsere Hilfe dabei, bedienen durfen wir sie nicht. Was im Leben wirklich weiter hilft, ist ein positives Selbstbild – also die Sicherheit, dass ich etwas tauge und etwas kann.

Ich will mich auf diesen einen Aspekt beschranken: Alle Erwachsenen, die an der Erziehung von Kindern beteiligt sind, konnen schlie?lich gut ihr Handeln daraufhin uberprufen, wie oft sie einem Kind „die Dinge aus der Hand nehmen“ und ob sie ihm das notige Konnen vermittelt haben, damit es etwas selbst tun kann. Ich kann mich darin uben, Kinder genauer zu beobachten
und wahrzunehmen, was sie wirklich gerade brauchen.

Ein Beispiel: Die Kinder in einer unserer Grundschulklassen illustrieren gerade ein Marchen, das ihnen gut gefallen hat. Es soll ein schones Buch daraus werden. Die Zeichnungen werden als Monotypie angefertigt: Da wird auf eine Glasplatte Farbe gewalzt, Papier daruber gelegt und mit einem Stift von oben gezeichnet, so dass sich das Bild durchdruckt. Ganz schon spannend, die Kinder haben diese Technik vorher noch nie ausprobiert. Beim Titelbild wollen die Kinder die Uberschrift dazu schreiben. Hilfe,
die wird beim ersten Versuch sicher spiegelverkehrt werden – und schon ist die Lehrerin in Versuchung, die Kinder zu warnen.

Was fur eine Entdeckung!

Warum? Sie mochte ihnen die doppelte Arbeit ersparen, wenn die Schrift nicht richtig erscheint. Ein sehr „erwachsener“ Gedanke! Zum Gluck halt sie sich zuruck. Das schreibende Kind entdeckt vollig verblufft die Spiegelschrift. Sofort stellen sich vier andere Kinder dazu, um zu beraten, was man nun machen konnte. Es dauert nicht lang, bis einer auf die Idee kommt, einen
Spiegel zu holen – ja, genau, das hat doch was mit den Spiegelachsen zu tun, mit denen er schon gearbeitet hat!

Und wenn man beim Schreiben in den Spiegel schaut und dort alles richtig aussieht, dann ist die Schrift auf dem Blatt spiegelverkehrt, also bei der Monotypie gerade richtig! Was fur eine Entdeckung. Die Kinder waren sehr stolz auf ihr Bilderbuch mit den beiden Uberschriften, eine spiegelverkehrt und eine richtig rum. Hatte die Lehrerin eingegriffen – bestimmt hatten die
Kinder den Versuch einer Uberschrift entmutigt aufgegeben.

Vieles, was ebenfalls dazu beitragt, ob ein Kind ungestort zu einer starken Personlichkeit heranwachsen kann, haben wir weit weniger in der Hand. Ob eine Familie haufig umziehen muss, ob die Eltern sich trennen, ob einem Kind ausreichend Erwachsene in der gro?eren Familie zur Seite stehen, ob ein Geschwisterkind schwer krank wird und alle Kraft der Eltern braucht –
die Liste der Risiken beim Aufwachsen ist lang. Aber wenn wir es nur lernen konnen, unseren Kindern die „Freiheit zum Handeln“ einzuraumen, ist schon viel gewonnen!

Erika Werthner