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Kategorie: Was uns stark macht

Vom Sieger zum Ohnmächtigen

Ein Beispiel zur Frage, was Kinder brauchen und wie sich Erwachsene verhalten sollten.

Was uns stark macht„Einmal hatten sich die Kinder lärmend um ein Wasserbecken im Saal versammelt, in dem sich Schwimmkörper bewegten. Wir hatten in der Schule einen kleinen, kaum zweieinhalb Jahre alten Jungen. Er war allein im Hintergrund geblieben und natürlich von großer Neugier beseelt. Ich beobachtete ihn mit großem Interesse aus einiger Entfernung; zunächst näherte er sich der Gruppe, schob die Kinder mit den Händen beiseite, begriff, dass er nicht die Kraft haben würde, sich einen Weg zu bahnen, blieb daraufhin stehen und schaute um sich.

Der Ausdruck des Nachdenkens in diesem Kindergesicht war sehr interessant. Hätte ich einen Fotoapparat gehabt, ich hätte diesen Ausdruck festgehalten. Er fasste einen kleinen Sessel ins Auge und dachte offensichtlich daran, ihn hinter die Gruppe der Kinder zu tragen und darauf zu steigen. Er ging mit vor Hoffnung leuchtendem Gesicht auf den Sessel zu, doch in diesem Augenblick nahm die Lehrerin ihn brutal (oder vielleicht liebevoll, ihrer Meinung nach) auf den Arm, ließ ihn das Becken über die Köpfe der anderen Kinder hinweg sehen und sagte: „Komm, mein Lieber, komm, du Ärmster, sieh es dir auch an!“

Als er die Schwimmkörper sah, empfand der Junge gewiss nicht dieselbe Freude, wie wenn er mit eigener Kraft das Hindernis überwunden hätte; der Anblick dieser Gegenstände brachte ihm außerdem keinerlei Vorteil, während seine wohlüberlegten Bemühungen seine innere Kraft entwickelt hätten. Die Lehrerin hinderte den Jungen, sich selbst zu erziehen, ohne ihm dafür etwas Gutes zu geben. Er war nahe daran, sich als Sieger zu fühlen und fand sich wie ein Ohnmächtiger in zwei hilfreichen Armen wieder. Der Ausdruck von Freude, Sehnsucht und Hoffnung, der mich so interessiert hatte, verschwand aus seinem Gesicht, und es blieb der dumme Ausdruck des Kindes, das weiß, dass andere an seiner statt handeln werden.“

Maria Montessori (aus: Die Entdeckung des Kindes, Herder Verlag 2010, S. 66/67)